Wer wird noch einer Erwerbsarbeit nachgehen, wenn seine Existenz bereits mit einem Grundeinkommen gesichert ist?

Ja, warum soll man sich dann noch anstrengen, etwas herstellen oder für andere etwas leisten?

Ein entschiedener Gegner des bedingungslosen Grundeinkommens, Heinrich Alt, ehem. Vorstands-mitglied der Bundesagentur für Arbeit, hat sich dazu am 11. 1. 2017 in der Süddeutschen Zeitung geäußert:
Arbeit ist mehr als Mühe und Last. Wer arbeitet ist ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft, wer arbeitet gehört dazu. Soll Erwerbsarbeit zu einem Privileg für wenige werden? ...
Arbeitslose leiden nicht darunter, wieder arbeiten zu müssen, sie leiden darunter, nicht arbeiten zu können. Woraus leiten sich Anerkennung und Status ab, wie bleibt man Vorbild für seine Kinder? ...
Beteiligungsgerechtigkeit ist ein konstitutives Element unserer Wirtschaftsordnung und eine Frage der Menschenwürde. Jeder hat einen Anspruch auf wirtschaftliche Beteiligung. Jeder wird gebraucht. Kein Talent darf übersehen werden, wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen. Um seiner Selbstachtung willen erhält jeder das Angebot, seine Fähigkeiten zu entfalten und seinen Lebensunterhalt durch eigene Arbeit zu bestreiten.

und Unicredit-Chef Jean Pierre Mustier am 17. 1. 2017 in der Süddeutschen Zeitung:
Es geht um unseren Daseinszweck, um den Sinn, den unsere Mitarbeiter in ihrer Arbeit sehen. Man arbeitet nicht nur für Geld, es geht auch darum, etwas Wertvolles zu tun. Ich habe in der Vergangenheit bereits privat geholfen, Sozialdarlehen aufzutreiben. Eines davon war für eine Schule. Es war einer der schönsten Tage meines Lebens, als ich dort dann die Kinder auf dem Hof habe spielen sehen. Dieses Gefühl will ich den Mitarbeitern auch vermitteln.

Ist damit die Eingangs-Frage beantwortet?  Ist sie gar obsolet?

Eigentlich ja – aber vielleicht nicht ganz.
Es ist nämlich keineswegs so, dass alle heute wie zukünftig notwendigen Arbeiten diese Befriedigung und Bestätigung vermitteln. Es gibt immer noch stumpfsinnige Arbeiten. Es gibt heute auch Arbeit, die unter schlechten bis unzumutbaren Bedingungen geleistet werden muss – erzwungen unter den geltenden Hartz-4-Bedingungen.
Diese Arbeiten werden vielleicht mit einem existenzsichernden Grundeinkommen nicht mehr verrichtet, zumindest nicht unter den bisherigen Bedingungen. Dabei stellt sich die Frage, ob es sich immer um sinnvolle, nützliche Arbeit handelt, ob ein Mensch oder die Gesellschaft darauf angewiesen ist? Wenn ja könnte solche Arbeit automatisiert, also von Maschinen verrichtet werden. Diese Arbeit könnte aber auch ganz einfach besser bezahlt werden. Für Geld wird jede Tätigkeit verrichtet.
Es ist aber denkbar, dass manche heute so billige Dienstleistung aus Bequemlichkeit, dann nicht mehr in Anspruch genommen wird. Vielleicht wird nicht mehr so viel bei Amazon, Zalando & Co bestellt, wenn der Zusteller dafür 20 € erhält und vielleicht ist dann ein gutes Restaurant wieder billiger als Junkfood von Lieferando.de und Pizzaservice, wenn man zu bequem ist, selbst zu kochen (was ebenfalls eine anspruchs- und sinnvolle Tätigkeit ist). Auch der öffentliche Nahverkehr wird viel attraktiver als Uber.
Ist weniger Amazon, Lieferando, Pizzaservice, Uber & Co nicht eher ein (kultureller) Gewinn für unsere Gesellschaft?

Ein (privates) Umfrage-Ergebnis:

Trotz der oben genannten Erkenntnisse hält sich aber das Gerücht, dass es Menschen gäbe, die mit einem (bescheidenen) Grundeinkommen nicht mehr arbeiten würden.
Ich beteilige mich regelmäßig bei einer Bodenzeitung in der Münchner Innenstadt, auf der Passanten gefragt werden, was sie tun würden, wenn für ihr Einkommen gesorgt wäre. Ihnen werden acht mög-liche Antworten angeboten, eine davon lautet „Gar nichts“. Die Passanten sind aufgefordert, durch das Legen von Klötzchen auf die entsprechenden Antworten ihre Meinung zu äußern. Mich interessieren immer ganz besonders diejenigen, die bekunden, dann nicht mehr zu arbeiten. Es sind nicht sehr viele – immer weit unter 10 % - aber es gibt sie. Ich spreche diese "Arbeits-Verweigerer" gern an und frage sie, was wohl ihr Arbeitgeber von Mitarbeitern hält, die eigentlich gar nicht arbeiten wollen, und wenn diese (mit einem BGE) kündigen würden. Auf diese Frage habe ich noch nie eine Antwort erhalten. Ein nicht geringer Teil erklärt dann, er beziehe bereits Altersrente oder Pension und hätte nur deshalb so abgestimmt, weil er das Grundeinkommen ablehnt. Von allen jüngeren erfahre ich, dass ihre „Abstimmung“ nicht so ernst gemeint war und sie natürlich weiterhin arbeiten würden, wenn nicht im selben, dann in einem anderen Job. Auch sie wollten mit dem Legen des Klötzchens nur ihre strikte Ablehnung des Grundeinkommens bekunden.
Ich habe aber noch nicht die Hoffnung aufgegeben, eines Tages tatsächlich auf jemand zu treffen, der mit einem BGE jede Tätigkeit aufgeben wird. Vielleicht meldet sich mal jemand mit einem Kommentar auf dieser Seite? ;-)

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Letzte Bearbeitung: 16.08.2017, 22:55